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Der letzte Tag

Was waren das noch für Zeiten, mit dem schillernden JFK auf der einen und dem Zigarren-rauchenden Fidel Castro auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs. Militärparaden und Skandale, Säbelrasseln und Kanonenboot-Rhetorik, Rockstar-Politik und Paparazzi-Hetzjagden. Obamas Präsidentschaft hat ihren irrwitzigen "Yes we can"-Zauber ebenso schnell verloren, wie Sarkozys stümperhaft aufgebauschte Glanz und Gloria-Ehe mit Carla Bruni und selbst die generalstabsmäßig inszeniert Hochzeit der pferdegesichtigen Windsors konnte nur kurz über die neue Herrschaft der grauen Männer hinwegtrösten.

Fast unbemerkt hat ein Heer farbloser Vereinsmeier die weltweite Politik im Handstreich erobert und quält nun sesselpupsend und selbstgefällig auch die hartnäckigsten Phoenix-Zuschauer mit geballter Langeweile. Zugegeben, die eigenen Untertanen hatten mit den schillernden Potentaten oft nicht viel zu Lachen, der Rest der Welt hingegen schon. Und so wandert der Blick heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf das Land jenseits der Alpen.

Italien - oder Area 51 wie es nach der Anzahl der überstandenen Mißtrauensvoten Berlusconis gerne genannt wird - atmet auf. Nachdem sich auch die letzten Weggefährten wie die Trümmertranse von Tripolis, der Terrorpate von Tunis und und die Grinsekatze von Kairo nach anhaltenden Protesten aus dem Staub gemacht haben oder als Rohrkrepierer elendig verendet sind, tritt nun eine der letzten skandalträchtigen Lichtgestalten von der Bühne der internationalen Politik ab: Silvio, il Cavaliere, Meister aller Bunga-Bunga-Parties, der Teflon-Don Europas hat seinen Rücktritt angekündigt und überlässt die Bühne politischer Lächerlichkeit dem letzten großen Staatsführer unserer Tage, Kim Jong Il.

Nordkorea ist nun das kleine gallische Dorf und der Geliebte Führer, dessen Geburt tief im Herzen eines Vulkans den Winter zum Frühling werden und den Himmel voller Regenbogen erstrahlen ließ, der mit 5 Hole-in-Ones auf einer einzigen Runde Golfgeschichte schrieb und ganz nebenbei den Hamburger erfand, ist nun der einzige Überlebende einer Kaste, die einen letzten Hauch von Glamour in sonst staubtrockene Wirtschafts- und Politgazetten brachte.

Was ist passiert? Berlusconi hat während seiner politischen Laufbahn mehr Skandale überstanden, als im gesamten Œuvre des Bastei-Lübbe-Verlags zu finden sind. Für jeden einzelnen seiner Ausrutscher wäre er im Rest Europas geteert, gefedert und aus dem Land gejagt worden. Doch weder seine legendären Bunga-Bunga-Orgien mit minderjährigen Bauchtänzerinnen ohne Aufenthaltsgenehmigung, noch seine Verstrickungen mit jeder kriminellen Organisation von Catania bis Triest und erst recht nicht seine zahlreichen Prozesse wegen Korruption und Amtsmissbrauch konnten ihm etwas anhaben. Selbst als der Rest der Welt seine Possen
nur noch schmunzelnd und mit einem Achselzucken hinnahm, hielten ihm die Wähler im einst so stolzen und selbstbewussten Italien treu die Stange.

Zu groß war die Hoffnung, das Self-Made-Milliardärs-Dasein würde wie von Geisterhand auf die eigenen Landsleute abfärben. Wenn sich schon jemand auf Steuerzahlers Kosten in die eigene Tasche wirtschaftet, dann doch bitte derjenige, der es am wenigsten nötig hat, war die Devise. Doch nun sind die Taschen leer und auch der letzte heimliche Macho hat eingesehen, dass mit 70 keine heißen, sexhungrigen Blondinen mehr zu Hause warten, sondern die eigene Ehefrau und drei arbeitslose Kinder.

Und so erwarten uns in Zukunft G8 Gipfel ohne Verstecken-Spielen, Staatsempfänge im Buckingham Palace mit einer durchweg höchst amused'ten Queen, Politessen, die unbehelligt Falschparker vor Regierungsgebäuden aufschreiben können und eine sauertöpfige Kanzlerin, welche die Entbehrungen eines Krisengipfels ohne leidenschaftliche Nackenmassagen überstehen wird müssen.

Für Blogger, Cartoonisten, Satiriker, Comedians und all die anderen, denen Berlusconi & Co. jahrelang täglich frische Ware geliefert haben, brechen hingegen schwere Zeiten an und so ist dieser Beitrag Dankesrede und Nekrolog zugleich an einen, dem dieser Blog viel zu verdanken hat.

Tag 9, Scheuklappen, Chianti und Rucola (geborene Rauke)

Nun muss man den italienischen Küstenbewohner auch mal in Schutz nehmen, schließlich hat er nie darum gebeten, Jahr um Jahr von einer übermotorisierten Hunnenhorde überrollt zu werden. Aber da er an diesem Umstand kaum noch etwas ändern kann, ist es sein gutes Recht, wenigstens daran zu verdienen. Selbst ein überzeugter Fructarier hätte Verständnis für einen Metzger, wenn dessen Schlachtviech freiwillig den weiten Weg von sattgrünen Feldern Richtung Bolzenschussgerät antreten würde und er lediglich auf das unscheinbare rote Knöpfchen drücken müsste, sobald es die Rampe erklommen hat. Und auch das Preis-Leistungs-Verhältnis ist, objektiv betrachtet, nicht nur das Ergebnis von Angebot und Nachfrage, sondern auch die Antwort auf die philosophische Frage, ob denn die Dummheit der Menschen unermesslich sei: Nein, sie lässt sich sehr wohl messen, beispielsweise an der Tagesmiete eines Liegestuhls oder dem Preis eines bewachten Parkplatzes, Hauptsache es klaut niemand den „Jacqueline an Bord“-Sticker vom mühsam verdienten Zafira.


Die dem deutschen Italienurlauber offenbar angeborenen Scheuklappen hindern ihn zudem daran, bewahren aber gleichzeitig die einheimische Bevölkerung davor, abseits ausgetrampelter Pfade zu wandeln und diejenigen Orte aufzusuchen, die den althergebrachten Vorstellungen von „Dolce Vita“ weit gerechter werden als Lignano und Bibbione. Und so bieten die Küsten eine sehr abwechslungsreiche Abfolge von Touri-Hochburgen in bester Palma-Manier und malerischen kleinen Küstendörfern, deren Restaurants zumindest rudimentäre Kenntnisse der Landessprache erfordern, diese aber entsprechend honorieren. Allerdings trauen sich nur die Wenigsten aus dem gesicherten Areal zwischen Campingplatz und Lido heraus, fast so als herrschten im Rest des Landes bürgerkriegsähnliche Zustände und marodierende Banden. Stattdessen lässt man sich lieber am helllichten Tag ausrauben und dafür auch noch eine Quittung ausstellen.


Ohnehin zahlt der Deutsche eher für das vermittelte Lebensgefühl als für die tatsächliche Qualität, und so kippt er sich Liter um Liter allerbilligsten Chiantis in die säuregeplagte Gurgel, solange dieser nur in hübschen bauchigen Flaschen mit Weidenkorb drumherum serviert wird. Folgerichtig heisst Rauke mittlerweile Rucola, wurde der gute Filterkaffee so gut wie endgültig von wohlklingenden Kaffeespezialitäten wie Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato ersetzt und die gemeine Nudel fühlt sich als Pasta gleich viel wohler im Topf. Die gutbürgerliche deutsche Küche hat der „cucina italiana“ ebensowenig entgegenzusetzen wie Berlusconi den Avancen einer minderjährigen Bauchtänzerin aus Marokko, und nun betrachten sich beide als hilflose Opfer einer unkontrollierten Multi-Kulti-Gesellschaft.


Zu Recht hat die italienische Küche einen so hohen Stellenwert wie die Kehrwoche in Stuttgart oder der Rosenmontagsumzug in Mainz und kann sich seit Jahren neben der katholischen Kirche getrost als zweite Staatsreligion betrachten. Deshalb ist es für den wahren Kenner umso erschreckender, was unsereiner teutonischer Geselle für einen Etikettenschwindel mit dieser betreibt, fast so als würde der eben genannte Rheinländer seine jecke Schunkelparty mit dem venezianischen Karneval vergleichen, nur weil beide den gleichen Namen tragen. Wo Italien draufsteht, ist zwangsläufig auch Italien drin, so die verbreitete Annahme, wo doch der Unterschied zwischen einer durchschnittlichen deutschen Portion Spaghetti Bolognese dem Vergleich mit dem Ergebnis stundenlanger Küchenarbeit einer wahren Italienierin ungefähr sowenig standhält, wie derjenige zwischen dem bereits erwähnten Strandhotel und den Bildern in der entsprechenden Broschüre.

Tag 8, Oasen, Schokotafeln und Wegelagerer

Erfolgreich hat der Italiener uns jahrelang vorgegaukelt, seine Küste sei nicht nur lang, sondern auch weitläufig, von feinstem, weißen Sand bedeckt und von meterhohen, schattenspendenden Palmen umsäumt. Und während ich die Anziehungskraft der italienischen Uferlinie auf flüchtende Hobbydemokraten aus Nordafrika und deren sinkende Schaluppen durchaus nachvollziehen kann, erschließt es sich mir in keinster Weise, warum sich dieses Gerücht hartnäckiger hält als die Kopfschmerzen nach einer Lambrusco-Orgie. Sand ist an den meisten bekannten italienischen Badeorten ungefähr so verbreitet wie karibische Steel-Drum-Bands auf den Ostfriesischen Inseln. Die meisten Strände entlang des Mittelmeers, der Adria und den paar im Norden verteilten Badeseen bestehen zumeist aus Kieseln in unterschiedlichen Mahlgraden, Schotter, Geröll und unbehauenem Stein. Wie zu erwarten verleihen die wenigen Sandstrände dem Begriff „Ballungsraum“ eine ganz neue Bedeutung, höchstens noch vergleichbar mit einer Wasserstelle in der Wüste Gobi. Zwangsläufig quetschen sich Lebewesen aller Couleur auf wenige Quadratmeter nikotingelben Sands während die Raubtiere in sehnsüchtiger Erwartung eines wahres Festmahls gierig ihre Krallen wetzen.


Dabei fängt alles ganz harmlos an: Man checkt nach einer schweißtreibenden Autofahrt im romantischen Strandhotel Marke Platte-Barock ein und genießt nach dem Höllenritt in einem Fahrstuhl aus dem vorigen Jahrhundert den unvergleichlichen Blick auf das übergewichtige Ehepaar mit Hang zur Freikörperkultur auf dem Balkon gegenüber, genau dort wo zum Zeitpunkt des Broschürendrucks noch kein wuchtiger Zementkoloss ins Auge stach, sondern ein vielgepriesener, unverbauter Blick aufs Meer. Die Begrüßungs-Schokolädchen auf dem Kopfkissen haben den Kampf gegen Alter und Hitze ebenso kläglich verloren wie die Klimaanlage und rinnen anmutig die fleckige Bettwäsche herab und die notdürftig aufgehängte Neonröhre flackert munter im gedämpften Licht der Dämmerung. Dafür ist das Personal gut gelaunt, denn es wohnt ja woanders, und man erheischt einen ersten Blick auf die Zimmernachbarn, die denen in der Heimat zum Verwechseln ähneln... verdammt.


Von solchen Lappalien nicht entmutigt werden am nächsten Morgen sämtliche Taschen mit unentbehrlichem Strandequipment befüllt und man begibt sich auf die – von öffentlichen Verkehrsmitteln grob vernachlässigte – Strecke in Richtung Lido, den man nach einer knappen halben Tagesreise frohen Mutes erreicht. Die meisten Strände sind privat und verbergen sich hinter hohen Befestigungsanlagen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, deren Nutzen sich darauf beschränkt, den Einheimischen Wegelagerern ein Dach über dem Kopf zu bieten und die Plumpsklos zu beherbergen, die man in der westlichen Zivilisation eigentlich schon ausgestorben wähnte. Ihr architektonischer Charme ist ebenso verblichen wie die Farbe, die einst mediterranes Flair verbreiten sollte, dafür dröhnen die seit Jahren gleichen, schmalzig-ekstatischen Italo-Sommer-Sonne-Strandhymnen umso lauter aus den Lautsprechern. Da man schon seit einigen Jahren der selben Erpresserbande Tribut zollt, hat man sich immerhin bis in die viertletzte Reihe vorlaviert. Dort stehen zwei Liegestühle und ein Sonnenschirm bereit, für deren Tagesmiete man ein ganzes Wochenende auf Baltrum oder Langeoog verbringen könnte, sowie ein schmieriger Bademeister, der einen in gebrochenem Deutsch Willkommen heißt und prompt das mitgebrachte Essen untersagt. Der Tag kann beginnen... [wird fortgesetzt]

Tag 7, Ohrwürmer, Schimanski und ein Lamborghini

„1, 2, Polizei, 3, 4, Grenadier...“, Wer hat ihn nicht noch gelegentlich im Ohr, diesen symphonisch-sympathischen Hit des italienischen Scooter-Verschnitts Mo-Do. Rein inhaltlich rückt das Lied die gute deutsche Bundespolizei zwar gefährlich in die Nähe des Heeres, erfasst aber gleichzeitig in knappen Worten deren kompletten Sinn für Humor („5,6, alte Gags“) sowie das, was einem spontan zum deutschen Polizeibeamtentum einfällt („7,8, gute Nacht“). Ebenfalls beschreibt es pointiert die Lageeinschätzung deutscher Polizeiwacht- und -obermeister zu Situationen, die in ihrem realitätsfernen Lehrbuch so nicht vorgesehen waren „Ja, ja, ja, was ist los, was ist das?!“ Zu guter letzt deckt der Song rund 50% des deutschen Sprachwortschatzes der italienischen Bevölkerung ab und kann sich auch noch dafür rühmen, dafür verantwortlich zu sein. Ergänzend kommen lediglich die Begriffe „Wurstel“, „Krauti“ und Blitz(-krieg)“ hinzu, eine recht treffende Zusammenfassung deutschen Brauchtums und sicher bald auch inhalt eingängier Techno-Melodien.


Dabei sollten Italiener durchaus Mitleid mit der bundesdeutschen Aufpassertruppe haben, schließlich laufen diese seit Jahren in der lieblosen Kostümierung einer bewaffneten Baumschützer-Brigade herum. Dunkelgrüne Hose, beige-grüne Hemden – primär kurzärmlig – und dazu ulkige grüne Mützen. Damit verdrängt man zwar mühelos Busfahrer auf die hinteren Plätze der Bad Taste-Skala, flößt jedoch nicht mal einen autoritär erzogenen Walldorfschüler Respekt ein. Vor diesem Hintergrund haben sich die Verantwortlichen in den letzten Jahren ein Herz gefasst und kleiden den langen Arm des Gesetzes nach und nach in Blau, sobald dieser aus den nostalgischen Waldarbeiter-Uniformen herausgewachsen ist. Die zunehmende Fettleibigkeit im Polizeidienst ist lediglich ein subversiver Versuch, diesen Prozess zu beschleunigen.


Im Land von Armani, Prada und Ferragamo sieht das Ganze schon wieder anders aus. Insbesondere die Carabinieri, also die dem Militär zugehörige Polizei, glänzen einzig und allein durch ihr äußeres Auftreten. In dieses investiert der Carabiniere jeden Morgen mehr Zeit, als sein deutscher Kollege in Schnurrbartpflege und Filterkaffeezubereitung. Dunkelblau mit feurig roten Streifen, Falten mit denen sich Schimanski nicht nur rasieren könnte, sondern auch dringend sollte und – als wenn das der autoritätgebietenden Merkmale nicht genug wäre - meistens noch eine durchgeladene Maschinenpistole, Marke Beretta Jahrgang 1959, unterm Arm. Derart aufgebrezelt donnert der Carabiniere dann in seinem heimlich getunten Alfa über die Landstraßen und bemüht sich nach Kräften, der automobilen Bevölkerung Angst und Schrecken einzuflößen. Richtig putzig wird es allerdings erst, wenn man eines der an prominenten Plätzen Italiens verteilten Exemplare hoch zu Rosse erblickt. Zwar gibt es auch in Deutschland und anderswo berittene Staffeln, diese jedoch meist in einer Mischung aus Plastik und Plexiglas gepanzert um aufmüpfige Demonstranten wie anno dazumal einfach niederzureiten. In Italien dagegen besteht die Existenzgrundlage des berittenen Regiments (!) vor allem daraus daraus, pompös zu wirken, denn strategisch gesehen setzt man hier lieber auf Fortbewegungsmittel mit Rückwärtsgang. Ein wallender Umhang, mit dem Sankt Martin selbst nach 20 Halbierungen noch nicht zum Heiligen ernannt worden wäre, dazu ein imposanter Zweispitz mit einer rot-blauen Feder darauf und in der Hand ein blitzeblank-gewienerter Degen um das anachronistische Ensemble zu vervollständigen.


Was muss es sie gewurmt haben, dass ausgerechnet ihre zivilen Konterparts von der Polizia dello Stato als Dienstwagen tatsächlich einen Lamborghini hingestellt bekommen haben. Diese ungepflegten Parvenues! Da wiederum könnten die Deutschen nur lachen, zwar hat man keinen Lamborghini und selbst den Porsche hat einem dieser pfennigfuchsende Bund der Steuerzahler vermiest, aber ansonsten strotzt der Fuhrpark nur von Mittel- und Oberklasselimousinen á la A8 und S-Klasse, deshalb sagt man den italienischen Kollegen beim Anblick der popeligen Alfas und Fiat Bravos nur verächtlich „7, 8, Gute Nacht!“.

Tag 6, Synchronsprecher, Vampire und Marcel Reif

Nochmal zurück zum Thema Fernsehen. Sky, also das, was früher in Deutschland Premiere hieß bis Leo Kirch den Karren an die Wand gefahren hat, ist so gnädig und überträgt Filme und Serien sowohl auf Italienisch, wie auch in der Originalausgabe. Da ich diese ohnehin gegenüber sämtlichen synchronierten Fassungen bevorzuge, war die Welt bisher in Ordnung. Was jedoch, wenn der Film plötzlich ein französischer ist und trotzdem sehenswert? Mit meinen Kenntnissen könnte ich mich beim Erb- und Erzfeind höchstens dann verständigen, wenn ich mit einer Panzerdivision vorbeischaue und den Einheimischen gar keine andere Wahl lasse. Mir blieb also nicht anderes übrig, als schweren Herzens auf die italienische Synchronfassung umzuschalten. Nun handelte es sich bei dem Film um „Public Enemy No. 1“, ein actiongeladenes Meisterwerk aus Verfolgunsjagden, Schießereien und einem Verhältnis von Mitwirkenden und Handlung ähnlich dem eines mittelschweren Telefonbuchs.

Augen zu und durch, dachte ich mir, doch genau in diesem Moment merkte ich, dass etwas faul war im Staate Dänemark... ähhh Italien. Denn sobald man die Augen schloss, saßen sich nicht mehr ein abgebrühter Vincent Cassel einem abgehalfterter Gerard Depardieu gegenüber, sondern ein grenzdebiler Mittvierziger beim Beratungsgespräch im Haarsalon seinem Stylisten. Nichts gegen die Sprache, um Gottes Willen, aber die Synchronsprecher sind wohl in der Drehpause von Twilight im falschen Studio gelandet. Themawechsel, wo wir gerade beim Thema sind. Was um alles in der Welt ist bitte aus Vampiren geworden? Den düsteren, blutrünstigen Fürsten der Dunkelheit. Den glatzköpfigen, langfingrigen Erben Bram Stokers prominentester Schöpfung? Bela Lugosi, Max Schreck, Christopher Lee, sie alle würden sich im Grabe umdrehen wenn sie die aktuelle Generation miterleben müssten. In der Sonne wird nicht mehr gebrannt, sondern gefunkelt was das Zeug hält, der Trend geht zur Blutabstinenz oder mindestens zu Ersatzprodukten und gewohnt wird auch nicht mehr in zugigen Schlössern am Arsch der transsylvanischen Heide sondern in hellen Lofts und neoklassizistischen Villen am Stadtrand.

Edward Cullen und sein inzestuöser Clan sind zusammen ungefähr so gruselig wie Rüdiger, der kleine Vampir bei seiner Einschulung und würde beim Betreten von dessen Familiengruft vermutlich erstmal Raumdeo verteilen und einen Innenarchitekten anrufen. In diesen Twilight-Schmonzetten gilt es unter Vampiren schon als grausam, mit der – meist menschlichen – Freundin per SMS Schluss zu machen statt sie auszusaugen wie es sich für einen anständigen Vampir gehört. Der schöne Edward hat wohl auch nur dann Angst vor Knoblauch, wenn er seine Dental-Kaugummis im Volvo hat liegen lassen und ich bin mir relativ sicher, dass Nosferatu NICHT einmal wöchentlich zur Maniküre gegangen ist. Bewusst habe ich in der obigen Aufzählung prominenter Dracula-Darsteller einen ausgelassen, den ich aus purer Boshaftigkeit gerne wenigstens einen Tag lang am Set von Twilight erleben möchte: Klaus Kinski. Die letzte Bastion geistiger Umnachtung und schauspielerischen Genies würde beim Anblick dieser milchgesichtigen Teilzeit-Vampire „den Knüppel auspacken“ und „der ganzen Bande mal so richtig die Fresse polieren“, auf das sie alle beim Anblick des ersten Blutspritzers in Ohnmacht fallen mögen. Doch ich weiche ab.

Scheinbar gibt es im gesamten italienischsprachigen Raum nur eine Handvoll Synchronsprecher, die ohne Rücksicht auf Verluste jede sich bietende Rolle mit der Stimmgewalt eines ligurischen Bademeisters dem Untergang weihen, mit Ausnahme natürlich der Rollen als ligurische Bademeister. Mein einziger Trost bleiben die gelegentlichen Bundesliga-Übertragungen, zu denen ich nicht mehr Marcel „Phrasenschwein“ Reif, Béla „Einfach-mal-sinnlos-drauflosquatschen“ Réhty und Konsorten ertragen muss sondern das herrliche „Shvainstaiger si inserisce, grande dribbling di Shvainstaiger, Pass a Muller, Muller tira... GOOOOOOAAAAALLLL!!! Fantastica azione del Baiern!!“.

Tag 5, Eidgenossen, Oktoberfest und die Mafia

Das größte Hindernis zwischen Italien und Deutschland ist und bleibt die Schweiz. Nicht nur optisch gleicht sie der Pappmaché-umsäumten Achterbahn mit nostalgischem Charme im Phantasialand Brühl, denn auch hier muss man gerade im Sommer lange Schlangen in Kauf nehmen und in regelmäßgen Abständen ein neues Jahresticket lösen. Meist kurz vor Ende bekommt man dann für einen unverschämten Geldbetrag noch ein Zielfoto in die Hand gedrückt und hat eine unvergessliche Urlaubserinnerung mehr im Gepäck. Auch Abseits der Straßen gleicht die Alpenrepublik einem Rummelplatz: Hauptexport sind Süßigkeiten, das Essen ist mies und ein Großteil der Angestellten ist schwer bewaffnet. Also lässt man schön die Hände im Fahrzeug und sieht zu, dass man Land gewinnt.

Während vor etwas über 2000 Jahren Hannibal mit seinen Elefanten die Passstraßen blockierte, ist es heute eine halbe Invasionsstreitmacht holländischer Camper, die einem auf dem Weg ins Glück das Leben schwer macht. Doch nicht nur der Deutsche unterzieht sich alljährlich dieser eidgenössenschaftlichen Tortur, auch der Italiener quetscht seinen untermotorisierten Fiat oder Alfa gelegentlich durch dieses schlecht ventilierte Kanalisationssystem namens Gotthardt-Tunnel um Deutschland zu besuchen. Was aber schenkt man einem Menschen, der schon alles hat, sollte man sich an dieser Stelle fragen, und so gibt es nur zwei Dinge, die Italiener an Deutschland schätzen: ihre Familie und das Bier. Naja, und hinter vorgehaltener Hand deutsche Autos, aber die kann man ja auch in Italien kaufen. Erstaunlicherweise gilt dies aber nicht für deutsches Bier, stattdessen füllen holländische, belgische und tschechische "Biere" die Regale der Supermärkte, von der gelegentlichen Flasche Becks vielleicht mal abgesehen.

Da man aber nicht einfach nur nach Deutschland fährt, um Bier zu kaufen, nimmt man gleich noch das Oktoberfest mit. Es ist wahrscheinlich das einzige Mal im Jahr, dass der Spieß umgedreht wird und plötzlich eine Karawane von Campern aus denen gedämpft „Azzurro“ plärrt in entgegengesetzter Richtung unterwegs ist. Vorbei sind die Zeiten, als man sich vom Namen hat in die Irre führen lassen und etwas bedröppelt dem Abbaukommando auf der Theresienwiese zuschauen musste; tatsächlich hat sich über die Jahre so etwas wie ein „Italiener-Wochenende“ entwickelt und aus den braven Mittdreissigern mit Hauptwohnsitz im Hotel Mamma wird plötzlich eine Horde schwarzhaariger Möchtegern-Machos die ihr Trinkvermögen ebenso überschätzen wie die Anziehungskraft von Schweinshaxen-Resten zwischen den Zähnen auf die weiblichen Einheimischen. In ihrer Souvenirwut lassen sie japanische Heidelberg-Touristen wie Dagobert Duck am Opferstock aussehen und präsentieren ihre Errungenschaften stolz ihren mitgereisten Trinkkumpanen auf den zahlreichen – mittlerweile immerhin aus der Innenstadt verbannten – Campingplätzen. Rache wird eben am besten kalt serviert, vorzugsweise im Maßkrug.

Wer hingegen die Familie besucht, bekommt von Deutschland deutlich weniger mit. Stattdessen sitzt man gemütlich bei „da Bruno“ auf der Terasse und tauscht sich im Duisburger Kugelhagel über die neuesten Geschichten aus der Heimat aus, teilt die Düsseldorfer Stadtteile unter sich auf und freut sich, dass in der nördlichen Dependance mehr Geld als Geschirr gewaschen wird. Aus einer fatalistischen Gastarbeiter-Gemeinde ist über die Jahre eine höchst ehrenwerte Gesellschaft geworden die - unter dem Radarschirm von Finanzamt und Integrationsdebatten fliegend - Deutschland kulinarisch mmerhin mehr gebracht hat, als die gesamten öst- bis südöstliche Migrationshintergrundsländer zusammen. Und sollte ich mich nun mit den falschen Leuten angelegt haben, so tue ich das nur in dem sicheren Wissen, als Nicht-Reiter schlimmstenfalls neben dem Kopf meines Eisen 7's aufzuwachen.

Tag 4, Norden, Süden und der Vatikan

Finden wir uns also damit ab, dass Berlusconi Italien wahrscheinlich bis zum Sankt Nimmerleins-Tag regieren und als Staatschef mit den meisten anhängigen Strafverfahren in die Geschichte eingehen wird. Es bleibt die Frage, was die Italiener sonst noch eint ausser der faszinierend Differenz zwischen den ständigen Beteuerungen vor den Wahlen und den Kreuzchen die sie schlussendlich machen, wenn sie zum Urnengang gebeten werden.

Diese Frage ist anlässlich des 150. Jahrestag der Vereinigung Italiens aktueller denn je, konnte aber trotz heftigster Debatten nicht abschließend geklärt werden. Kaum hatte man sich darauf geeinigt, den Jahrestag zum Feiertag zu erklären, wurden die ersten Stimmen laut, 150 Jahre Einigkeit seien eigentlich mehr als genug und der Norden ohne den Süden ohnehin besser dran. Tatsächlich beginnt Afrika für viele Norditaliener irgendwo zwischen der Toskana und Rom; geo- und finanzpolitisch hält man Süditalien für eine Art Brandenburg mit Zitrusfrüchten, Mafiosi und Spuren früher menschlicher Zivilisation. Die wechselhafte Geschichte des Landes trägt ihr Übriges zu den Differenzen bei. Insbesondere Sizilien ist – zumindest historisch betrachtet – eine Art Hafenprostituierte: so ziemlich jede Seefahrernation war schonmal drauf, aber wirklich behalten wollte sie keiner. Entsprechend hat auch die Zuhälterei in der sizilianischen Mafia Tradition, denn gegen ein kleines Entgelt sorgte sie für Schutz gegen die ständig wechselnden Liebhaber: Hellenen, Römer, Byzantiner, Araber, Normannen, Staufer, Franzosen, Spanier, Österreicher, alle haben sie einen kleinen Abstecher auf das arg gebeutelte Inselreich gemacht, doch schlussendlich sollte ausgerechnet von dort der Siegeszug Giuseppe Garibaldis, der zu besagter Einheit des Landes führte, seinen Lauf nehmen.

Die Mitte Italiens war - ähnlich wie die Hintern deutscher Ministranten - meist fest in der Hand der katholischen Kirche, während der Norden sich zwischenzeitlich mit Sissi und Franzl, einem eher aufdringlichen kleinen Franzosen und irgendwann in früher Urzeit sogar mit machthungrigen Kaisern aus Deutschland rumschlagen musste. Historisch betrachtet ist es also kein leichtes, einen einenden Moment zu finden und auch sprachlich besteht dieser nur auf dem Papier, denn eher führen ein Bayer und ein Ostfriese eine angeregte Diskussion über deutsches Brauchtum als das ein Venezianer sich erfolgreich von einem Sizilianer den Weg zur nächsten Bushaltestelle erklären lässt.

Dennoch gibt es hier und dort Gemeinsamkeiten, die allerdings etwas weniger offensichtlich sind. Ganz oben auf dieser Liste findet sich die Bar, die dem Italiener vor allem Morgens in etwa so heilig ist, wie dem Deutschen seine Eckkneipe nach getaner Arbeit. Als Institution betrachtet stellt sie ein letztes Bollwerk gegen den europaweiten Siegeszug von Starbucks dar, und auch wenn jeder hier seine individuellen Vorlieben hat, die vom „Espresso con poca schiuma“ bis zum „Café corretto lungo in tazza grande“ reichen, so würde es doch kaum einem Italiener in den Sinn kommen, einen „Double Ristretto Venti Half-Soy Nonfat Decaf Organic Chocolate Brownie Iced Vanilla Double-Shot Gingerbread Frappuccino“ (den man traurigerweise tatsächlich in dieser Form bestellen kann) zu ordern. Stattdessen stellt er sich auf dem Weg zur Arbeit für einige Minuten an die Theke, nippt frisch, fromm, fröhlich, frei an seinem Café, blättert in der allgegenwärtigen zartrosanen Gazzetta dello Sport und diskutiert mit dem Barkeeper leidenschaftlich über die Fussballergebnisse vom Vorabend.

Gegen Abend wandelt sich die Atmospähre, denn es ist Zeit für den Aperitivo, auch dieser eine landesweite Institution. Während die Baristi Campari-Orange und Pastisse servieren, füllen sie die Theke mit allerlei Knabberzeug, Canapés, Oliven und anderen kleinen Schweinereien die unter dem sympathischen Begriff „Stuzzichini“ zusammengefasst werden und im Preis der Drinks inbegriffen sind. Allerdings gebietet es die Zurückhaltung, nur in Maßen davon Gebrauch zu machen, schließlich geht es später noch zum Abendessen. Ein vergleichbarer Versuchsaufbau in Deutschland würde unweigerlich dazu führen, dass jeder Zweite den Rand des kleinen Tellers mit stabilen Sellerieblättern belegt und diese mit Fleischbällchen o.ä. beschwert um den Tellerumfang mindestens zu verdoppeln, anschließend nach bewährter Gizeh-Bauart eine formschöne Pyramide darauf konstruiert, die jeden Baustatiker vor Unglauben erblassen lassen würde, und das alles nur um wenig später völlig schamlos noch einen kleinen Nachschlag zu holen. Das ursprünglich geplante Abendessen entfällt zwar leider, aber in bester Geiz-ist-geil Manier klopft man sich zufrieden auf die Schulter denn man hat den letzten Pfennig aus den viel zu überteuerten Drinks wieder rausgeholt. Ab in die Eckkneipe.

Tag 3 - Don Silvio und seine Mätressen

Nun habe ich den deutschen Italien-Urlauber und seine Gepflogenheiten ausgiebig durch den Kakao gezogen und dabei völlig außer Acht gelassen, dass auch der Einheimische durchaus ein wenig Angriffsfläche bietet. Auf die Gefahr hin, mir den Rest meines Aufenthaltes zu sabotieren, packen wir also die Schlange beim Kopf und fangen ganz oben an: Silvio Berlusconi. Dieser Mann ist ein Phänomen, dass Seinesgleichen sucht, vergleichbar mit der morbiden Faszination eines Verkehrsunfalls. Ich komme dennoch nicht umhin, ihm ein gewisses Maß an Bewunderung zu zollen, was allerdings einer Erklärung bedarf.

Man ist mit Blick auf seine Politikerkarriere schnell bei der Hand mit der einfachen Begründung, er habe ja das gesamte italienische Privatfernsehen kontrolliert. Stop, Rewind, da Capo, Capo. Aufgewachsen in Mailand als Sohn eines Bänkers hat Berlusconi Jura studiert und mit einer Diplomarbeit über Werbeverträge abgeschlossen. Soweit, so gut. Was macht man als studierter Jurist mit einer „cum laude“-Arbeit? Richtig, man wird Sänger in Nachtclubs sowie auf Kreuzfahrtschiffen und geht anschließend als Staubsaugervertreter von Haustür zu Haustür. You've come a long way since Vorwerk, sollte man meinen, geblieben ist immerhin das gewinnend-gelackte Aussehen und der spitzbübische Charme wie er Nachtclubsängern so zu eigen ist. Die biographische Lücke zum heutigen Tage ist eher langweilig und daher schnell gefüllt: Immobilienmakler, Bauunternehmer, Fernsehmogul. Nebenbei hat er mit dem AC Milan den erfolgreichsten Fussballverein der Welt gekauft, besitzt mit Fininvest eine der wichtigsten italienischen Finanz-Holdings und hat irgendwie seine Finger in so ziemlich jeder Branche des Landes. Erinnerungen werden wach an Michael Corleones vergebliche Bemühungen, die Familie in die Legalität zu führen und es gibt nicht wenige, die bei der Herkunft des Berluscon'schen Geldes ähnliche Quellen vermuten. Da hat man wohl den richtigen Leuten ein Angebot gemacht, dass sie unmöglich ablehnen konnte.

Die letzten Schritte, sprich Parteigründung, Wahlkampf, Regierungsbildung und die Krönung zum Ministerpräsidenten waren reine Makulatur, denn wer Rentnerhorden auf Kreuzfahrtschiffen zum Schunkeln bringt, der kriegt sie auch an die Urne. Der Orden „Wider den tierischen Ernst“ wäre ihm sicher, schließlich nimmt er im Gegensatz zu seinen bornierten europäischen Kollegen sein Amt mit einer angenehmen Portion Humor und verpasst seiner sauertöpfigen Kollegin Angela Merkel gerne mal eine Nackenmassage, wenn er nicht gerade mit ihr Verstecken spielt. Unvergessen sind auch seine Kommentare zu Obama („Jung, hübsch und braungebrannt!“), den in Zeltunterkünften untergebrachten Erdbebenopfern in Mittelitalien („Die müssen sich das nur als Campingurlaub vorstellen...“), oder zu einem deutschen Abgeordneten des Europaparlaments, dem er versprach, ihn für die Rolle eines KZ-Kommandanten in einem italienischen Film zu empfehlen, sie sei ihm wie auf den Leib geschnitten. Selbst die sonst recht selbstbeherrschte Queen brachte er aus der Fassung, als er mitten im Fototermin lautstark nach „Meester Obama! Meester Obama!““ rief: „What is it? Why does he have to shout? Why!“. Her Majesty was not amused, der Rest der Welt hingegen schon.

Ähnlich frivol geht es in seinem Privatleben zu und vor allem zur Sache. Wie seinerzeit den Lindwürmern und Drachen der nördlichen Mythologie müssen auch dem Cavaliere in regelmäßigen Abständen von höchstens 24 Stunden junge Mädchen zugeführt werden, mit denen er sich nach einem ausgiebigen Bankett in seine privaten Gemächer zurückzieht um ein bisschen Bunga-Bunga zu betreiben. Diesen Bezeichnung für eine Massenorgie mit überwiegend weiblicher Beteiligung hat er eigenen Angaben zu Folge von seinem ebenfalls recht umtriebigen best Buddy Muammar al-Gaddafi, weitere Erklärungsversuche führen allerdings in eine Sackgasse. Bemühen wir hingegen die Etymologie, fällt uns zunächst ein recht bekannter Witz über drei Gefangene eines Eingeborenenstammes ein, die vom Häuptling des Stammes vor die Wahl zwischen Tod und Bunga Bunga gestellt werden. Die ersten beiden entscheiden sich für Bunga Bunga und werden schwerer sexuell missbraucht als ein deutscher Messdiener in einem katholischen Kloster, weswegen der letzte der drei sich für den Tod entscheidet. Das salomonische Urteil lautet daraufhin „Tod durch Bunga Bunga“. Dumm gelaufen. Ähnliche Ambitionen dürfte wohl auch Berlusconi für sein Ableben hegen und man kann ihm nur wünschen, dass es nicht einmal die mit allen Wassern gewaschenen Marketingexperten der Firma Pfizer geschafft haben, Viagra auch in der Hölle zu vertreiben.

Tag 2 - Bildungsreisende, Camperhorden und die Toskana-Fraktion

Nach meinem kurzen Exkurs zur Typologie des deutschen Italien-Urlaubers und dessen bevorzugter Beute nun einige weiterführende Bemerkungen. Lebt man als Deutscher lange genug in diesem Land, kommt unweigerlich der Moment, da man nicht mehr auf Anhieb als solcher erkannt werden möchte. Dieser Moment kommt um so schneller, je häufiger man sich in italienischen Ortschaften aufhält, in denen man den Warnhinweis „Man spricht Deutsch“ - angebracht an sämtlichen Restaurants, Bademoden-Boutiquen und sonstigen Ramschläden - nicht beachtet oder schlichtweg übersehen hat. Wir befinden uns also wieder an der Adria-Küste, in Ligurien oder am Gardasee. Um ein Vielfaches verstärkt wird diese Warnung nur durch verblichene Fotos sämtlicher Vorspeisen und Hauptgänge, die man im entsprechenden Restaurant unter gar keinen Umständen zu sich nehmen sollte. Dennoch gilt: „Redde Caesari quae sunt Caesaris“*, und so hat es der feine Herr Weiße-Socken-in-Birkenstock-Träger auch gar nicht besser verdient.

Die digitale Spiegelreflexkamera sicher auf der formschönen Wölbung unter dem verschwitzten kurzärmligen Hemd in Karo-Optik verstaut zögert er nicht, lautstark jede heruntergekommene Fassade als malerisch, jede 08/15-Marienstatue als faszinierend und jede Piazza mit mehr als drei senilen Einheimischen, die auf ihre Frau zu Hause keine Lust und für die Kneipe kein Geld haben, als Ausdruck eines glücklichen Gemeindelebens zu bezeichnen. Benutzt er öffentliche Verkehrsmittel, hält er sich bevorzugt an der obersten Stange fest um zu demonstrieren, dass seine Achselbehaarung nicht nur feucht, sondern auch dicht ist. Chapeau. Immerhin hat sich diese Gattung auf strand- oder zumindest wassernahe Gebiete spezialisiert, so dass man im Landesinneren weitgehend davor gefeit ist, diesem Opel-fahrenden Ungetüm zu begegnen.

Der bildungsreisende Rentner hingegen gibt sich zwar nach außen hin zurückhaltender, besticht jedoch durch schiere Masse sowie dessen noch in Kindestagen erlernter Fähigkeit, in ordentlichen, kompakten Zweierreihen im Gleichschritt hinter der/m Taktstock/Regenschirm/Plastiksonnenblume des (Stadt-)Führers her zu marschieren. Wer diese Horden mit Humor nehmen will, muss einfach nur vor seinem inneren Ohr die „Polonaise Blankenese“ laufen lassen und im Takt mitschunkeln, der Peter und die Heidi werden es mir verzeihen. Diese Art Touristen sind im Übrigen die Versinnbildlichung des richtungweisenden Zitats von Julis de Goncourt: „Niemand auf der Welt bekommt soviel dummes Zeug zu hören wie die Bilder in einem Museum“. Fürwahr.

Die mit Abstand gefährlichste Variante ist jedoch in der Toscana zu finden. Denn im Gegensatz zu seinen Landsleuten verachtet die sogenannte Toscana-Fraktion nichts mehr als Hinweise auf deutsch sprechende Bedienung und die Bild-Zeitung am Kiosk auf der Piazza, denn: Er gehört dazu. Beziehungsweise will es. Oder glaubt es zumindest. Er hat sich schließlich über die Jahre einige rudimentäre Brocken der Landessprache zu eigen gemacht und spricht diese daher mit Inbrunst, hat sich von seinem im Klassenkampf schwer verdienten Geld ein Rustico oder ein Landhaus mittem im Weinberg gekauft und ist seit Jahren gut mit dem Wirt in seinem Stammrestaurant befreundet, oder weiß zumindest, dass dessen Frau, Sohn, Tochter und Tante auch gelegentlich dort arbeiten. Seine in jahrelanger Parteiarbeit verfeinerte Nase erkennt auf Anhieb den Unterschied zwischen Chianti und Lambrusco und dennoch zögert er nicht, beides vorzugsweise aus praktischen 5-10 Liter Flaschen in sich hinein zuschütten. Nach dem ersten Glas klopft er Gianni, dem Wirt, kräftig auf den Rücken und signalisiert damit, wie sehr er es schätzt „den Guten“ und nicht „das billige Zeug für die Gäste“ bekommen zu haben. Dass Giannis Frau vor Entsetzen bald in Ohnmacht fällt als ihr offenbart wird, man gedenke sich pünktlich zur Rente dauerhaft dort niederzulassen, entgeht ihm leider. Sein ewiges Bemühen, Klischees zu widersprechen macht ihn letztendlich selbst zu einem. Wer also auf gar keinen Fall einem Vertreter des Schröder-Kabinetts begegnen will, sollte um Siena, Lucca und Umgebung einen weiten Bogen machen.

Hat man jedoch alle Warnungen fahrlässig in den Wind geschlagen und findet sich im Restaurant neben einer der oben genannten Spezies wieder, kann man das bestellte Essen getrost zu Gunsten eines ordentlichen Glases Grappa opfern, der einen ähnlich zusammenfahren und schütteln lässt wie das ewige "Herrlich al dente, fantastico Gianni!" und "Il sconto per favore!" von nebenan.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, beim Verfassen dieses Textes selbst dem ein oder anderen „been there, done that“-Moment begegnet zu sein und so streue ich nun ein wenig Asche auf mein Haupt und fahre Ostern ganz gepflegt ans Mittelmeer, trinke schuldbewusst ein paar Flaschen Chianti und mache vor der Abfahrt noch ein paar Fotos von dem malerischen kleinen Dorf in den Bergen. Bis nächstes Jahr, Gianni.

*) Aus: R. Goscinny und A. Uderzo: Asterix Band XXIII, „Obelix GmbH & Co. KG“, Berlin, Ehapa Verlag 1978, S. 33.

Tag 1 - Fernsehen, Autofahren und Paraden

Liebes Italien, zunächst herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. 150 Jahre Dolce Vita, Verkehrschaos, ständig wachsende Schulden- und Müllberge, Mode und Modebewusste, Fussball, Mopeds soweit das Auge reicht und scharenweise Touristen aus nördlichen Gefilden. An Dir sind weder diese noch die Jahre so spurlos vorübergegangen wie an Deinem umtriebigen Ministerpräsidenten, aber Du trägst sie mit deutlich mehr Würde. Der subtile Unterschied zwischen Kunstwerk und Kunstgriff eben.

Vieles hier erscheint dem Nordmann zunächst befremdlich, wenngleich ganze Landstriche von diesem - fein säuberlich nach Klischees getrennt - bevölkert wurden. So hat sich eine ganze Reihe arrivierter deutscher Alt-68er inmitten der toskanischen Weinberge niedergelassen und hält das dortige dolce far niente für den real existierenden Sozialismus des Südens. Die Adria-Küste ist fest in der Hand der großdeutschen Camperhorden und wohl seit Königgrätz haben sich Preußen und Österreicher nicht mehr so eine Schlacht geliefert wie um die besten Plätze am Strand von Bibbione und Rimini. Ganze Busladungen voller pensionierter Bildungsbürger hingegen bevorzugen geschichtsträchtige Orte in denen man allerlei überteuerten Firlefanz für die heimische Vitrine einheimsen kann, ganz vorne im Rennen Pisa, Rom und Venedig. Letzere hat vor lauter Kummer beschlossen, wie einst der Bayernkönig ins Meer zu gehen.

Seeliges Piemont, bis auf den ein oder anderen vinophilen Barolo-Kenner bleibst Du zumeist verschont vom Furor Teutonicus, mit dem schon die Stauferkaiser das halbe Land gegen sich aufbrachten.

Zurück zum Befremdlichen. Das italienische Fernsehen ist - im Ganzen betrachtet - eine nicht enden wollende Ausgabe von Tutti Frutti; man stelle sich nur Hugo Egon Balder als Intendant sämtlicher deutscher Sender inklusive Arte vor. Da wundert es nicht, dass besagtes Tutti Frutti seine Wurzeln hierzulande hat. Kaum eine Sendung, in der nicht eine oder mehrere höchst spärlich bekleidete junge Dame(n) elegant die Übergänge kaschiert, Gäste Richtung Sofa begleitet oder einfach nur etwas apathisch im Hintergrund vor sich hintanzt, das Ganze in Studios mit dem Charme der späten 80er Jahre. Das Auge freuts, der Geist erschaudert. Ungleich erschreckender ist jedoch die Tatsache, dass einer - wenn auch fragwürdigen - Umfrage zu Folge knapp 30% der jungen Frauen eben dieses als ihren Berufswunsch angeben. Immerhin hat sich dieser Beruf mittlerweile als Sprungbrett für höchst achtbare Ministerposten etabliert, dem oben bereits erwähnten Regierungschef sei dank.

Es ist wohl so manches noch etwas urtümlicher hier, oder sagen wir vorsichtshalber instinktgesteuert. Eben diesen braucht man denn auch, gepaart mit ebenso ausgeprägten Reflexen, im hiesigen Straßenverkehr. Gelebter Darwinismus in seiner martialischsten Ausprägung. Schwarmforscherherzen schlagen höher, dem Deutschen hingegen rutscht seins gerne mal in die Hose. Dies liegt jedoch hauptsächlich daran, dass ihm ein grundlegendes Verständnis der herrschenden Zustände fehlt. So beklagt er gern die fehlende Markierung der Fahrstreifen in den Städten. Die Erklärung ist allerdings ebenso einfach wie brilliant: Fließt der Verkehr, sind es zwei, ist es hingegen voll, auch gerne mal vier. Dazu kommen weitere gefühlt 3-4 Spuren pro Fahrtrichtung für Mopeds, die sich jedoch ganz dem Restverkehr anpassen und garantiert jede Lücke finden, notfalls auf Kosten des ein oder anderen Außenspiegels.

Dennoch hat sich vieles getan, seitdem die örtlichen Behörden festgestellt haben, dass man mit Radarfallen, Parkgebühren und Alkoholkontrollen die arg gebeutelten kommunalen Kassen erheblich auffüllen kann. Schwuppsdiwupps hat man jeder zweiten Hausfrau mit dem Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit eine Weste mit der Aufschrift "Ausiliario di Sosta" (Parkplatz-Helfer) umgehängt und lässt sie gegen Provision die Straßen nach zahlungswilligen Sündern absuchen (NB: Eventuelle Analogien sind vom Autor offiziell nicht gewollt).Aber abgesehen davon, dass die Mailänder Bürgersteige sich das Recht auf ihren Namen nach und nach zurückerobern und auf so mancher Landstraße mehr Radarfallen stehen als in und um Stuttgart, macht das Fahren nach einiger Übung deutlich mehr Spaß als sich der deutschen Regulierungswut zu unterwerfen und sich auch ja rechtzeitig und mit Blinker auf der richtigen Spur einzuordnen. Immerhin gibt es zu Deinem Geburtstag etwas, das ich in Deutschland seit einigen Jahren schmerzlich vermisse: Paraden. Ja, da blüht das Preussenherz.