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Tag 4, Norden, Süden und der Vatikan

Finden wir uns also damit ab, dass Berlusconi Italien wahrscheinlich bis zum Sankt Nimmerleins-Tag regieren und als Staatschef mit den meisten anhängigen Strafverfahren in die Geschichte eingehen wird. Es bleibt die Frage, was die Italiener sonst noch eint ausser der faszinierend Differenz zwischen den ständigen Beteuerungen vor den Wahlen und den Kreuzchen die sie schlussendlich machen, wenn sie zum Urnengang gebeten werden.

Diese Frage ist anlässlich des 150. Jahrestag der Vereinigung Italiens aktueller denn je, konnte aber trotz heftigster Debatten nicht abschließend geklärt werden. Kaum hatte man sich darauf geeinigt, den Jahrestag zum Feiertag zu erklären, wurden die ersten Stimmen laut, 150 Jahre Einigkeit seien eigentlich mehr als genug und der Norden ohne den Süden ohnehin besser dran. Tatsächlich beginnt Afrika für viele Norditaliener irgendwo zwischen der Toskana und Rom; geo- und finanzpolitisch hält man Süditalien für eine Art Brandenburg mit Zitrusfrüchten, Mafiosi und Spuren früher menschlicher Zivilisation. Die wechselhafte Geschichte des Landes trägt ihr Übriges zu den Differenzen bei. Insbesondere Sizilien ist – zumindest historisch betrachtet – eine Art Hafenprostituierte: so ziemlich jede Seefahrernation war schonmal drauf, aber wirklich behalten wollte sie keiner. Entsprechend hat auch die Zuhälterei in der sizilianischen Mafia Tradition, denn gegen ein kleines Entgelt sorgte sie für Schutz gegen die ständig wechselnden Liebhaber: Hellenen, Römer, Byzantiner, Araber, Normannen, Staufer, Franzosen, Spanier, Österreicher, alle haben sie einen kleinen Abstecher auf das arg gebeutelte Inselreich gemacht, doch schlussendlich sollte ausgerechnet von dort der Siegeszug Giuseppe Garibaldis, der zu besagter Einheit des Landes führte, seinen Lauf nehmen.

Die Mitte Italiens war - ähnlich wie die Hintern deutscher Ministranten - meist fest in der Hand der katholischen Kirche, während der Norden sich zwischenzeitlich mit Sissi und Franzl, einem eher aufdringlichen kleinen Franzosen und irgendwann in früher Urzeit sogar mit machthungrigen Kaisern aus Deutschland rumschlagen musste. Historisch betrachtet ist es also kein leichtes, einen einenden Moment zu finden und auch sprachlich besteht dieser nur auf dem Papier, denn eher führen ein Bayer und ein Ostfriese eine angeregte Diskussion über deutsches Brauchtum als das ein Venezianer sich erfolgreich von einem Sizilianer den Weg zur nächsten Bushaltestelle erklären lässt.

Dennoch gibt es hier und dort Gemeinsamkeiten, die allerdings etwas weniger offensichtlich sind. Ganz oben auf dieser Liste findet sich die Bar, die dem Italiener vor allem Morgens in etwa so heilig ist, wie dem Deutschen seine Eckkneipe nach getaner Arbeit. Als Institution betrachtet stellt sie ein letztes Bollwerk gegen den europaweiten Siegeszug von Starbucks dar, und auch wenn jeder hier seine individuellen Vorlieben hat, die vom „Espresso con poca schiuma“ bis zum „Café corretto lungo in tazza grande“ reichen, so würde es doch kaum einem Italiener in den Sinn kommen, einen „Double Ristretto Venti Half-Soy Nonfat Decaf Organic Chocolate Brownie Iced Vanilla Double-Shot Gingerbread Frappuccino“ (den man traurigerweise tatsächlich in dieser Form bestellen kann) zu ordern. Stattdessen stellt er sich auf dem Weg zur Arbeit für einige Minuten an die Theke, nippt frisch, fromm, fröhlich, frei an seinem Café, blättert in der allgegenwärtigen zartrosanen Gazzetta dello Sport und diskutiert mit dem Barkeeper leidenschaftlich über die Fussballergebnisse vom Vorabend.

Gegen Abend wandelt sich die Atmospähre, denn es ist Zeit für den Aperitivo, auch dieser eine landesweite Institution. Während die Baristi Campari-Orange und Pastisse servieren, füllen sie die Theke mit allerlei Knabberzeug, Canapés, Oliven und anderen kleinen Schweinereien die unter dem sympathischen Begriff „Stuzzichini“ zusammengefasst werden und im Preis der Drinks inbegriffen sind. Allerdings gebietet es die Zurückhaltung, nur in Maßen davon Gebrauch zu machen, schließlich geht es später noch zum Abendessen. Ein vergleichbarer Versuchsaufbau in Deutschland würde unweigerlich dazu führen, dass jeder Zweite den Rand des kleinen Tellers mit stabilen Sellerieblättern belegt und diese mit Fleischbällchen o.ä. beschwert um den Tellerumfang mindestens zu verdoppeln, anschließend nach bewährter Gizeh-Bauart eine formschöne Pyramide darauf konstruiert, die jeden Baustatiker vor Unglauben erblassen lassen würde, und das alles nur um wenig später völlig schamlos noch einen kleinen Nachschlag zu holen. Das ursprünglich geplante Abendessen entfällt zwar leider, aber in bester Geiz-ist-geil Manier klopft man sich zufrieden auf die Schulter denn man hat den letzten Pfennig aus den viel zu überteuerten Drinks wieder rausgeholt. Ab in die Eckkneipe.

Tag 3 - Don Silvio und seine Mätressen

Nun habe ich den deutschen Italien-Urlauber und seine Gepflogenheiten ausgiebig durch den Kakao gezogen und dabei völlig außer Acht gelassen, dass auch der Einheimische durchaus ein wenig Angriffsfläche bietet. Auf die Gefahr hin, mir den Rest meines Aufenthaltes zu sabotieren, packen wir also die Schlange beim Kopf und fangen ganz oben an: Silvio Berlusconi. Dieser Mann ist ein Phänomen, dass Seinesgleichen sucht, vergleichbar mit der morbiden Faszination eines Verkehrsunfalls. Ich komme dennoch nicht umhin, ihm ein gewisses Maß an Bewunderung zu zollen, was allerdings einer Erklärung bedarf.

Man ist mit Blick auf seine Politikerkarriere schnell bei der Hand mit der einfachen Begründung, er habe ja das gesamte italienische Privatfernsehen kontrolliert. Stop, Rewind, da Capo, Capo. Aufgewachsen in Mailand als Sohn eines Bänkers hat Berlusconi Jura studiert und mit einer Diplomarbeit über Werbeverträge abgeschlossen. Soweit, so gut. Was macht man als studierter Jurist mit einer „cum laude“-Arbeit? Richtig, man wird Sänger in Nachtclubs sowie auf Kreuzfahrtschiffen und geht anschließend als Staubsaugervertreter von Haustür zu Haustür. You've come a long way since Vorwerk, sollte man meinen, geblieben ist immerhin das gewinnend-gelackte Aussehen und der spitzbübische Charme wie er Nachtclubsängern so zu eigen ist. Die biographische Lücke zum heutigen Tage ist eher langweilig und daher schnell gefüllt: Immobilienmakler, Bauunternehmer, Fernsehmogul. Nebenbei hat er mit dem AC Milan den erfolgreichsten Fussballverein der Welt gekauft, besitzt mit Fininvest eine der wichtigsten italienischen Finanz-Holdings und hat irgendwie seine Finger in so ziemlich jeder Branche des Landes. Erinnerungen werden wach an Michael Corleones vergebliche Bemühungen, die Familie in die Legalität zu führen und es gibt nicht wenige, die bei der Herkunft des Berluscon'schen Geldes ähnliche Quellen vermuten. Da hat man wohl den richtigen Leuten ein Angebot gemacht, dass sie unmöglich ablehnen konnte.

Die letzten Schritte, sprich Parteigründung, Wahlkampf, Regierungsbildung und die Krönung zum Ministerpräsidenten waren reine Makulatur, denn wer Rentnerhorden auf Kreuzfahrtschiffen zum Schunkeln bringt, der kriegt sie auch an die Urne. Der Orden „Wider den tierischen Ernst“ wäre ihm sicher, schließlich nimmt er im Gegensatz zu seinen bornierten europäischen Kollegen sein Amt mit einer angenehmen Portion Humor und verpasst seiner sauertöpfigen Kollegin Angela Merkel gerne mal eine Nackenmassage, wenn er nicht gerade mit ihr Verstecken spielt. Unvergessen sind auch seine Kommentare zu Obama („Jung, hübsch und braungebrannt!“), den in Zeltunterkünften untergebrachten Erdbebenopfern in Mittelitalien („Die müssen sich das nur als Campingurlaub vorstellen...“), oder zu einem deutschen Abgeordneten des Europaparlaments, dem er versprach, ihn für die Rolle eines KZ-Kommandanten in einem italienischen Film zu empfehlen, sie sei ihm wie auf den Leib geschnitten. Selbst die sonst recht selbstbeherrschte Queen brachte er aus der Fassung, als er mitten im Fototermin lautstark nach „Meester Obama! Meester Obama!““ rief: „What is it? Why does he have to shout? Why!“. Her Majesty was not amused, der Rest der Welt hingegen schon.

Ähnlich frivol geht es in seinem Privatleben zu und vor allem zur Sache. Wie seinerzeit den Lindwürmern und Drachen der nördlichen Mythologie müssen auch dem Cavaliere in regelmäßigen Abständen von höchstens 24 Stunden junge Mädchen zugeführt werden, mit denen er sich nach einem ausgiebigen Bankett in seine privaten Gemächer zurückzieht um ein bisschen Bunga-Bunga zu betreiben. Diesen Bezeichnung für eine Massenorgie mit überwiegend weiblicher Beteiligung hat er eigenen Angaben zu Folge von seinem ebenfalls recht umtriebigen best Buddy Muammar al-Gaddafi, weitere Erklärungsversuche führen allerdings in eine Sackgasse. Bemühen wir hingegen die Etymologie, fällt uns zunächst ein recht bekannter Witz über drei Gefangene eines Eingeborenenstammes ein, die vom Häuptling des Stammes vor die Wahl zwischen Tod und Bunga Bunga gestellt werden. Die ersten beiden entscheiden sich für Bunga Bunga und werden schwerer sexuell missbraucht als ein deutscher Messdiener in einem katholischen Kloster, weswegen der letzte der drei sich für den Tod entscheidet. Das salomonische Urteil lautet daraufhin „Tod durch Bunga Bunga“. Dumm gelaufen. Ähnliche Ambitionen dürfte wohl auch Berlusconi für sein Ableben hegen und man kann ihm nur wünschen, dass es nicht einmal die mit allen Wassern gewaschenen Marketingexperten der Firma Pfizer geschafft haben, Viagra auch in der Hölle zu vertreiben.

Tag 2 - Bildungsreisende, Camperhorden und die Toskana-Fraktion

Nach meinem kurzen Exkurs zur Typologie des deutschen Italien-Urlaubers und dessen bevorzugter Beute nun einige weiterführende Bemerkungen. Lebt man als Deutscher lange genug in diesem Land, kommt unweigerlich der Moment, da man nicht mehr auf Anhieb als solcher erkannt werden möchte. Dieser Moment kommt um so schneller, je häufiger man sich in italienischen Ortschaften aufhält, in denen man den Warnhinweis „Man spricht Deutsch“ - angebracht an sämtlichen Restaurants, Bademoden-Boutiquen und sonstigen Ramschläden - nicht beachtet oder schlichtweg übersehen hat. Wir befinden uns also wieder an der Adria-Küste, in Ligurien oder am Gardasee. Um ein Vielfaches verstärkt wird diese Warnung nur durch verblichene Fotos sämtlicher Vorspeisen und Hauptgänge, die man im entsprechenden Restaurant unter gar keinen Umständen zu sich nehmen sollte. Dennoch gilt: „Redde Caesari quae sunt Caesaris“*, und so hat es der feine Herr Weiße-Socken-in-Birkenstock-Träger auch gar nicht besser verdient.

Die digitale Spiegelreflexkamera sicher auf der formschönen Wölbung unter dem verschwitzten kurzärmligen Hemd in Karo-Optik verstaut zögert er nicht, lautstark jede heruntergekommene Fassade als malerisch, jede 08/15-Marienstatue als faszinierend und jede Piazza mit mehr als drei senilen Einheimischen, die auf ihre Frau zu Hause keine Lust und für die Kneipe kein Geld haben, als Ausdruck eines glücklichen Gemeindelebens zu bezeichnen. Benutzt er öffentliche Verkehrsmittel, hält er sich bevorzugt an der obersten Stange fest um zu demonstrieren, dass seine Achselbehaarung nicht nur feucht, sondern auch dicht ist. Chapeau. Immerhin hat sich diese Gattung auf strand- oder zumindest wassernahe Gebiete spezialisiert, so dass man im Landesinneren weitgehend davor gefeit ist, diesem Opel-fahrenden Ungetüm zu begegnen.

Der bildungsreisende Rentner hingegen gibt sich zwar nach außen hin zurückhaltender, besticht jedoch durch schiere Masse sowie dessen noch in Kindestagen erlernter Fähigkeit, in ordentlichen, kompakten Zweierreihen im Gleichschritt hinter der/m Taktstock/Regenschirm/Plastiksonnenblume des (Stadt-)Führers her zu marschieren. Wer diese Horden mit Humor nehmen will, muss einfach nur vor seinem inneren Ohr die „Polonaise Blankenese“ laufen lassen und im Takt mitschunkeln, der Peter und die Heidi werden es mir verzeihen. Diese Art Touristen sind im Übrigen die Versinnbildlichung des richtungweisenden Zitats von Julis de Goncourt: „Niemand auf der Welt bekommt soviel dummes Zeug zu hören wie die Bilder in einem Museum“. Fürwahr.

Die mit Abstand gefährlichste Variante ist jedoch in der Toscana zu finden. Denn im Gegensatz zu seinen Landsleuten verachtet die sogenannte Toscana-Fraktion nichts mehr als Hinweise auf deutsch sprechende Bedienung und die Bild-Zeitung am Kiosk auf der Piazza, denn: Er gehört dazu. Beziehungsweise will es. Oder glaubt es zumindest. Er hat sich schließlich über die Jahre einige rudimentäre Brocken der Landessprache zu eigen gemacht und spricht diese daher mit Inbrunst, hat sich von seinem im Klassenkampf schwer verdienten Geld ein Rustico oder ein Landhaus mittem im Weinberg gekauft und ist seit Jahren gut mit dem Wirt in seinem Stammrestaurant befreundet, oder weiß zumindest, dass dessen Frau, Sohn, Tochter und Tante auch gelegentlich dort arbeiten. Seine in jahrelanger Parteiarbeit verfeinerte Nase erkennt auf Anhieb den Unterschied zwischen Chianti und Lambrusco und dennoch zögert er nicht, beides vorzugsweise aus praktischen 5-10 Liter Flaschen in sich hinein zuschütten. Nach dem ersten Glas klopft er Gianni, dem Wirt, kräftig auf den Rücken und signalisiert damit, wie sehr er es schätzt „den Guten“ und nicht „das billige Zeug für die Gäste“ bekommen zu haben. Dass Giannis Frau vor Entsetzen bald in Ohnmacht fällt als ihr offenbart wird, man gedenke sich pünktlich zur Rente dauerhaft dort niederzulassen, entgeht ihm leider. Sein ewiges Bemühen, Klischees zu widersprechen macht ihn letztendlich selbst zu einem. Wer also auf gar keinen Fall einem Vertreter des Schröder-Kabinetts begegnen will, sollte um Siena, Lucca und Umgebung einen weiten Bogen machen.

Hat man jedoch alle Warnungen fahrlässig in den Wind geschlagen und findet sich im Restaurant neben einer der oben genannten Spezies wieder, kann man das bestellte Essen getrost zu Gunsten eines ordentlichen Glases Grappa opfern, der einen ähnlich zusammenfahren und schütteln lässt wie das ewige "Herrlich al dente, fantastico Gianni!" und "Il sconto per favore!" von nebenan.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, beim Verfassen dieses Textes selbst dem ein oder anderen „been there, done that“-Moment begegnet zu sein und so streue ich nun ein wenig Asche auf mein Haupt und fahre Ostern ganz gepflegt ans Mittelmeer, trinke schuldbewusst ein paar Flaschen Chianti und mache vor der Abfahrt noch ein paar Fotos von dem malerischen kleinen Dorf in den Bergen. Bis nächstes Jahr, Gianni.

*) Aus: R. Goscinny und A. Uderzo: Asterix Band XXIII, „Obelix GmbH & Co. KG“, Berlin, Ehapa Verlag 1978, S. 33.

Tag 1 - Fernsehen, Autofahren und Paraden

Liebes Italien, zunächst herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. 150 Jahre Dolce Vita, Verkehrschaos, ständig wachsende Schulden- und Müllberge, Mode und Modebewusste, Fussball, Mopeds soweit das Auge reicht und scharenweise Touristen aus nördlichen Gefilden. An Dir sind weder diese noch die Jahre so spurlos vorübergegangen wie an Deinem umtriebigen Ministerpräsidenten, aber Du trägst sie mit deutlich mehr Würde. Der subtile Unterschied zwischen Kunstwerk und Kunstgriff eben.

Vieles hier erscheint dem Nordmann zunächst befremdlich, wenngleich ganze Landstriche von diesem - fein säuberlich nach Klischees getrennt - bevölkert wurden. So hat sich eine ganze Reihe arrivierter deutscher Alt-68er inmitten der toskanischen Weinberge niedergelassen und hält das dortige dolce far niente für den real existierenden Sozialismus des Südens. Die Adria-Küste ist fest in der Hand der großdeutschen Camperhorden und wohl seit Königgrätz haben sich Preußen und Österreicher nicht mehr so eine Schlacht geliefert wie um die besten Plätze am Strand von Bibbione und Rimini. Ganze Busladungen voller pensionierter Bildungsbürger hingegen bevorzugen geschichtsträchtige Orte in denen man allerlei überteuerten Firlefanz für die heimische Vitrine einheimsen kann, ganz vorne im Rennen Pisa, Rom und Venedig. Letzere hat vor lauter Kummer beschlossen, wie einst der Bayernkönig ins Meer zu gehen.

Seeliges Piemont, bis auf den ein oder anderen vinophilen Barolo-Kenner bleibst Du zumeist verschont vom Furor Teutonicus, mit dem schon die Stauferkaiser das halbe Land gegen sich aufbrachten.

Zurück zum Befremdlichen. Das italienische Fernsehen ist - im Ganzen betrachtet - eine nicht enden wollende Ausgabe von Tutti Frutti; man stelle sich nur Hugo Egon Balder als Intendant sämtlicher deutscher Sender inklusive Arte vor. Da wundert es nicht, dass besagtes Tutti Frutti seine Wurzeln hierzulande hat. Kaum eine Sendung, in der nicht eine oder mehrere höchst spärlich bekleidete junge Dame(n) elegant die Übergänge kaschiert, Gäste Richtung Sofa begleitet oder einfach nur etwas apathisch im Hintergrund vor sich hintanzt, das Ganze in Studios mit dem Charme der späten 80er Jahre. Das Auge freuts, der Geist erschaudert. Ungleich erschreckender ist jedoch die Tatsache, dass einer - wenn auch fragwürdigen - Umfrage zu Folge knapp 30% der jungen Frauen eben dieses als ihren Berufswunsch angeben. Immerhin hat sich dieser Beruf mittlerweile als Sprungbrett für höchst achtbare Ministerposten etabliert, dem oben bereits erwähnten Regierungschef sei dank.

Es ist wohl so manches noch etwas urtümlicher hier, oder sagen wir vorsichtshalber instinktgesteuert. Eben diesen braucht man denn auch, gepaart mit ebenso ausgeprägten Reflexen, im hiesigen Straßenverkehr. Gelebter Darwinismus in seiner martialischsten Ausprägung. Schwarmforscherherzen schlagen höher, dem Deutschen hingegen rutscht seins gerne mal in die Hose. Dies liegt jedoch hauptsächlich daran, dass ihm ein grundlegendes Verständnis der herrschenden Zustände fehlt. So beklagt er gern die fehlende Markierung der Fahrstreifen in den Städten. Die Erklärung ist allerdings ebenso einfach wie brilliant: Fließt der Verkehr, sind es zwei, ist es hingegen voll, auch gerne mal vier. Dazu kommen weitere gefühlt 3-4 Spuren pro Fahrtrichtung für Mopeds, die sich jedoch ganz dem Restverkehr anpassen und garantiert jede Lücke finden, notfalls auf Kosten des ein oder anderen Außenspiegels.

Dennoch hat sich vieles getan, seitdem die örtlichen Behörden festgestellt haben, dass man mit Radarfallen, Parkgebühren und Alkoholkontrollen die arg gebeutelten kommunalen Kassen erheblich auffüllen kann. Schwuppsdiwupps hat man jeder zweiten Hausfrau mit dem Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit eine Weste mit der Aufschrift "Ausiliario di Sosta" (Parkplatz-Helfer) umgehängt und lässt sie gegen Provision die Straßen nach zahlungswilligen Sündern absuchen (NB: Eventuelle Analogien sind vom Autor offiziell nicht gewollt).Aber abgesehen davon, dass die Mailänder Bürgersteige sich das Recht auf ihren Namen nach und nach zurückerobern und auf so mancher Landstraße mehr Radarfallen stehen als in und um Stuttgart, macht das Fahren nach einiger Übung deutlich mehr Spaß als sich der deutschen Regulierungswut zu unterwerfen und sich auch ja rechtzeitig und mit Blinker auf der richtigen Spur einzuordnen. Immerhin gibt es zu Deinem Geburtstag etwas, das ich in Deutschland seit einigen Jahren schmerzlich vermisse: Paraden. Ja, da blüht das Preussenherz.