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Tag 7, Ohrwürmer, Schimanski und ein Lamborghini

„1, 2, Polizei, 3, 4, Grenadier...“, Wer hat ihn nicht noch gelegentlich im Ohr, diesen symphonisch-sympathischen Hit des italienischen Scooter-Verschnitts Mo-Do. Rein inhaltlich rückt das Lied die gute deutsche Bundespolizei zwar gefährlich in die Nähe des Heeres, erfasst aber gleichzeitig in knappen Worten deren kompletten Sinn für Humor („5,6, alte Gags“) sowie das, was einem spontan zum deutschen Polizeibeamtentum einfällt („7,8, gute Nacht“). Ebenfalls beschreibt es pointiert die Lageeinschätzung deutscher Polizeiwacht- und -obermeister zu Situationen, die in ihrem realitätsfernen Lehrbuch so nicht vorgesehen waren „Ja, ja, ja, was ist los, was ist das?!“ Zu guter letzt deckt der Song rund 50% des deutschen Sprachwortschatzes der italienischen Bevölkerung ab und kann sich auch noch dafür rühmen, dafür verantwortlich zu sein. Ergänzend kommen lediglich die Begriffe „Wurstel“, „Krauti“ und Blitz(-krieg)“ hinzu, eine recht treffende Zusammenfassung deutschen Brauchtums und sicher bald auch inhalt eingängier Techno-Melodien.


Dabei sollten Italiener durchaus Mitleid mit der bundesdeutschen Aufpassertruppe haben, schließlich laufen diese seit Jahren in der lieblosen Kostümierung einer bewaffneten Baumschützer-Brigade herum. Dunkelgrüne Hose, beige-grüne Hemden – primär kurzärmlig – und dazu ulkige grüne Mützen. Damit verdrängt man zwar mühelos Busfahrer auf die hinteren Plätze der Bad Taste-Skala, flößt jedoch nicht mal einen autoritär erzogenen Walldorfschüler Respekt ein. Vor diesem Hintergrund haben sich die Verantwortlichen in den letzten Jahren ein Herz gefasst und kleiden den langen Arm des Gesetzes nach und nach in Blau, sobald dieser aus den nostalgischen Waldarbeiter-Uniformen herausgewachsen ist. Die zunehmende Fettleibigkeit im Polizeidienst ist lediglich ein subversiver Versuch, diesen Prozess zu beschleunigen.


Im Land von Armani, Prada und Ferragamo sieht das Ganze schon wieder anders aus. Insbesondere die Carabinieri, also die dem Militär zugehörige Polizei, glänzen einzig und allein durch ihr äußeres Auftreten. In dieses investiert der Carabiniere jeden Morgen mehr Zeit, als sein deutscher Kollege in Schnurrbartpflege und Filterkaffeezubereitung. Dunkelblau mit feurig roten Streifen, Falten mit denen sich Schimanski nicht nur rasieren könnte, sondern auch dringend sollte und – als wenn das der autoritätgebietenden Merkmale nicht genug wäre - meistens noch eine durchgeladene Maschinenpistole, Marke Beretta Jahrgang 1959, unterm Arm. Derart aufgebrezelt donnert der Carabiniere dann in seinem heimlich getunten Alfa über die Landstraßen und bemüht sich nach Kräften, der automobilen Bevölkerung Angst und Schrecken einzuflößen. Richtig putzig wird es allerdings erst, wenn man eines der an prominenten Plätzen Italiens verteilten Exemplare hoch zu Rosse erblickt. Zwar gibt es auch in Deutschland und anderswo berittene Staffeln, diese jedoch meist in einer Mischung aus Plastik und Plexiglas gepanzert um aufmüpfige Demonstranten wie anno dazumal einfach niederzureiten. In Italien dagegen besteht die Existenzgrundlage des berittenen Regiments (!) vor allem daraus daraus, pompös zu wirken, denn strategisch gesehen setzt man hier lieber auf Fortbewegungsmittel mit Rückwärtsgang. Ein wallender Umhang, mit dem Sankt Martin selbst nach 20 Halbierungen noch nicht zum Heiligen ernannt worden wäre, dazu ein imposanter Zweispitz mit einer rot-blauen Feder darauf und in der Hand ein blitzeblank-gewienerter Degen um das anachronistische Ensemble zu vervollständigen.


Was muss es sie gewurmt haben, dass ausgerechnet ihre zivilen Konterparts von der Polizia dello Stato als Dienstwagen tatsächlich einen Lamborghini hingestellt bekommen haben. Diese ungepflegten Parvenues! Da wiederum könnten die Deutschen nur lachen, zwar hat man keinen Lamborghini und selbst den Porsche hat einem dieser pfennigfuchsende Bund der Steuerzahler vermiest, aber ansonsten strotzt der Fuhrpark nur von Mittel- und Oberklasselimousinen á la A8 und S-Klasse, deshalb sagt man den italienischen Kollegen beim Anblick der popeligen Alfas und Fiat Bravos nur verächtlich „7, 8, Gute Nacht!“.

Tag 6, Synchronsprecher, Vampire und Marcel Reif

Nochmal zurück zum Thema Fernsehen. Sky, also das, was früher in Deutschland Premiere hieß bis Leo Kirch den Karren an die Wand gefahren hat, ist so gnädig und überträgt Filme und Serien sowohl auf Italienisch, wie auch in der Originalausgabe. Da ich diese ohnehin gegenüber sämtlichen synchronierten Fassungen bevorzuge, war die Welt bisher in Ordnung. Was jedoch, wenn der Film plötzlich ein französischer ist und trotzdem sehenswert? Mit meinen Kenntnissen könnte ich mich beim Erb- und Erzfeind höchstens dann verständigen, wenn ich mit einer Panzerdivision vorbeischaue und den Einheimischen gar keine andere Wahl lasse. Mir blieb also nicht anderes übrig, als schweren Herzens auf die italienische Synchronfassung umzuschalten. Nun handelte es sich bei dem Film um „Public Enemy No. 1“, ein actiongeladenes Meisterwerk aus Verfolgunsjagden, Schießereien und einem Verhältnis von Mitwirkenden und Handlung ähnlich dem eines mittelschweren Telefonbuchs.

Augen zu und durch, dachte ich mir, doch genau in diesem Moment merkte ich, dass etwas faul war im Staate Dänemark... ähhh Italien. Denn sobald man die Augen schloss, saßen sich nicht mehr ein abgebrühter Vincent Cassel einem abgehalfterter Gerard Depardieu gegenüber, sondern ein grenzdebiler Mittvierziger beim Beratungsgespräch im Haarsalon seinem Stylisten. Nichts gegen die Sprache, um Gottes Willen, aber die Synchronsprecher sind wohl in der Drehpause von Twilight im falschen Studio gelandet. Themawechsel, wo wir gerade beim Thema sind. Was um alles in der Welt ist bitte aus Vampiren geworden? Den düsteren, blutrünstigen Fürsten der Dunkelheit. Den glatzköpfigen, langfingrigen Erben Bram Stokers prominentester Schöpfung? Bela Lugosi, Max Schreck, Christopher Lee, sie alle würden sich im Grabe umdrehen wenn sie die aktuelle Generation miterleben müssten. In der Sonne wird nicht mehr gebrannt, sondern gefunkelt was das Zeug hält, der Trend geht zur Blutabstinenz oder mindestens zu Ersatzprodukten und gewohnt wird auch nicht mehr in zugigen Schlössern am Arsch der transsylvanischen Heide sondern in hellen Lofts und neoklassizistischen Villen am Stadtrand.

Edward Cullen und sein inzestuöser Clan sind zusammen ungefähr so gruselig wie Rüdiger, der kleine Vampir bei seiner Einschulung und würde beim Betreten von dessen Familiengruft vermutlich erstmal Raumdeo verteilen und einen Innenarchitekten anrufen. In diesen Twilight-Schmonzetten gilt es unter Vampiren schon als grausam, mit der – meist menschlichen – Freundin per SMS Schluss zu machen statt sie auszusaugen wie es sich für einen anständigen Vampir gehört. Der schöne Edward hat wohl auch nur dann Angst vor Knoblauch, wenn er seine Dental-Kaugummis im Volvo hat liegen lassen und ich bin mir relativ sicher, dass Nosferatu NICHT einmal wöchentlich zur Maniküre gegangen ist. Bewusst habe ich in der obigen Aufzählung prominenter Dracula-Darsteller einen ausgelassen, den ich aus purer Boshaftigkeit gerne wenigstens einen Tag lang am Set von Twilight erleben möchte: Klaus Kinski. Die letzte Bastion geistiger Umnachtung und schauspielerischen Genies würde beim Anblick dieser milchgesichtigen Teilzeit-Vampire „den Knüppel auspacken“ und „der ganzen Bande mal so richtig die Fresse polieren“, auf das sie alle beim Anblick des ersten Blutspritzers in Ohnmacht fallen mögen. Doch ich weiche ab.

Scheinbar gibt es im gesamten italienischsprachigen Raum nur eine Handvoll Synchronsprecher, die ohne Rücksicht auf Verluste jede sich bietende Rolle mit der Stimmgewalt eines ligurischen Bademeisters dem Untergang weihen, mit Ausnahme natürlich der Rollen als ligurische Bademeister. Mein einziger Trost bleiben die gelegentlichen Bundesliga-Übertragungen, zu denen ich nicht mehr Marcel „Phrasenschwein“ Reif, Béla „Einfach-mal-sinnlos-drauflosquatschen“ Réhty und Konsorten ertragen muss sondern das herrliche „Shvainstaiger si inserisce, grande dribbling di Shvainstaiger, Pass a Muller, Muller tira... GOOOOOOAAAAALLLL!!! Fantastica azione del Baiern!!“.

Tag 5, Eidgenossen, Oktoberfest und die Mafia

Das größte Hindernis zwischen Italien und Deutschland ist und bleibt die Schweiz. Nicht nur optisch gleicht sie der Pappmaché-umsäumten Achterbahn mit nostalgischem Charme im Phantasialand Brühl, denn auch hier muss man gerade im Sommer lange Schlangen in Kauf nehmen und in regelmäßgen Abständen ein neues Jahresticket lösen. Meist kurz vor Ende bekommt man dann für einen unverschämten Geldbetrag noch ein Zielfoto in die Hand gedrückt und hat eine unvergessliche Urlaubserinnerung mehr im Gepäck. Auch Abseits der Straßen gleicht die Alpenrepublik einem Rummelplatz: Hauptexport sind Süßigkeiten, das Essen ist mies und ein Großteil der Angestellten ist schwer bewaffnet. Also lässt man schön die Hände im Fahrzeug und sieht zu, dass man Land gewinnt.

Während vor etwas über 2000 Jahren Hannibal mit seinen Elefanten die Passstraßen blockierte, ist es heute eine halbe Invasionsstreitmacht holländischer Camper, die einem auf dem Weg ins Glück das Leben schwer macht. Doch nicht nur der Deutsche unterzieht sich alljährlich dieser eidgenössenschaftlichen Tortur, auch der Italiener quetscht seinen untermotorisierten Fiat oder Alfa gelegentlich durch dieses schlecht ventilierte Kanalisationssystem namens Gotthardt-Tunnel um Deutschland zu besuchen. Was aber schenkt man einem Menschen, der schon alles hat, sollte man sich an dieser Stelle fragen, und so gibt es nur zwei Dinge, die Italiener an Deutschland schätzen: ihre Familie und das Bier. Naja, und hinter vorgehaltener Hand deutsche Autos, aber die kann man ja auch in Italien kaufen. Erstaunlicherweise gilt dies aber nicht für deutsches Bier, stattdessen füllen holländische, belgische und tschechische "Biere" die Regale der Supermärkte, von der gelegentlichen Flasche Becks vielleicht mal abgesehen.

Da man aber nicht einfach nur nach Deutschland fährt, um Bier zu kaufen, nimmt man gleich noch das Oktoberfest mit. Es ist wahrscheinlich das einzige Mal im Jahr, dass der Spieß umgedreht wird und plötzlich eine Karawane von Campern aus denen gedämpft „Azzurro“ plärrt in entgegengesetzter Richtung unterwegs ist. Vorbei sind die Zeiten, als man sich vom Namen hat in die Irre führen lassen und etwas bedröppelt dem Abbaukommando auf der Theresienwiese zuschauen musste; tatsächlich hat sich über die Jahre so etwas wie ein „Italiener-Wochenende“ entwickelt und aus den braven Mittdreissigern mit Hauptwohnsitz im Hotel Mamma wird plötzlich eine Horde schwarzhaariger Möchtegern-Machos die ihr Trinkvermögen ebenso überschätzen wie die Anziehungskraft von Schweinshaxen-Resten zwischen den Zähnen auf die weiblichen Einheimischen. In ihrer Souvenirwut lassen sie japanische Heidelberg-Touristen wie Dagobert Duck am Opferstock aussehen und präsentieren ihre Errungenschaften stolz ihren mitgereisten Trinkkumpanen auf den zahlreichen – mittlerweile immerhin aus der Innenstadt verbannten – Campingplätzen. Rache wird eben am besten kalt serviert, vorzugsweise im Maßkrug.

Wer hingegen die Familie besucht, bekommt von Deutschland deutlich weniger mit. Stattdessen sitzt man gemütlich bei „da Bruno“ auf der Terasse und tauscht sich im Duisburger Kugelhagel über die neuesten Geschichten aus der Heimat aus, teilt die Düsseldorfer Stadtteile unter sich auf und freut sich, dass in der nördlichen Dependance mehr Geld als Geschirr gewaschen wird. Aus einer fatalistischen Gastarbeiter-Gemeinde ist über die Jahre eine höchst ehrenwerte Gesellschaft geworden die - unter dem Radarschirm von Finanzamt und Integrationsdebatten fliegend - Deutschland kulinarisch mmerhin mehr gebracht hat, als die gesamten öst- bis südöstliche Migrationshintergrundsländer zusammen. Und sollte ich mich nun mit den falschen Leuten angelegt haben, so tue ich das nur in dem sicheren Wissen, als Nicht-Reiter schlimmstenfalls neben dem Kopf meines Eisen 7's aufzuwachen.