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Tag 9, Scheuklappen, Chianti und Rucola (geborene Rauke)

Nun muss man den italienischen Küstenbewohner auch mal in Schutz nehmen, schließlich hat er nie darum gebeten, Jahr um Jahr von einer übermotorisierten Hunnenhorde überrollt zu werden. Aber da er an diesem Umstand kaum noch etwas ändern kann, ist es sein gutes Recht, wenigstens daran zu verdienen. Selbst ein überzeugter Fructarier hätte Verständnis für einen Metzger, wenn dessen Schlachtviech freiwillig den weiten Weg von sattgrünen Feldern Richtung Bolzenschussgerät antreten würde und er lediglich auf das unscheinbare rote Knöpfchen drücken müsste, sobald es die Rampe erklommen hat. Und auch das Preis-Leistungs-Verhältnis ist, objektiv betrachtet, nicht nur das Ergebnis von Angebot und Nachfrage, sondern auch die Antwort auf die philosophische Frage, ob denn die Dummheit der Menschen unermesslich sei: Nein, sie lässt sich sehr wohl messen, beispielsweise an der Tagesmiete eines Liegestuhls oder dem Preis eines bewachten Parkplatzes, Hauptsache es klaut niemand den „Jacqueline an Bord“-Sticker vom mühsam verdienten Zafira.


Die dem deutschen Italienurlauber offenbar angeborenen Scheuklappen hindern ihn zudem daran, bewahren aber gleichzeitig die einheimische Bevölkerung davor, abseits ausgetrampelter Pfade zu wandeln und diejenigen Orte aufzusuchen, die den althergebrachten Vorstellungen von „Dolce Vita“ weit gerechter werden als Lignano und Bibbione. Und so bieten die Küsten eine sehr abwechslungsreiche Abfolge von Touri-Hochburgen in bester Palma-Manier und malerischen kleinen Küstendörfern, deren Restaurants zumindest rudimentäre Kenntnisse der Landessprache erfordern, diese aber entsprechend honorieren. Allerdings trauen sich nur die Wenigsten aus dem gesicherten Areal zwischen Campingplatz und Lido heraus, fast so als herrschten im Rest des Landes bürgerkriegsähnliche Zustände und marodierende Banden. Stattdessen lässt man sich lieber am helllichten Tag ausrauben und dafür auch noch eine Quittung ausstellen.


Ohnehin zahlt der Deutsche eher für das vermittelte Lebensgefühl als für die tatsächliche Qualität, und so kippt er sich Liter um Liter allerbilligsten Chiantis in die säuregeplagte Gurgel, solange dieser nur in hübschen bauchigen Flaschen mit Weidenkorb drumherum serviert wird. Folgerichtig heisst Rauke mittlerweile Rucola, wurde der gute Filterkaffee so gut wie endgültig von wohlklingenden Kaffeespezialitäten wie Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato ersetzt und die gemeine Nudel fühlt sich als Pasta gleich viel wohler im Topf. Die gutbürgerliche deutsche Küche hat der „cucina italiana“ ebensowenig entgegenzusetzen wie Berlusconi den Avancen einer minderjährigen Bauchtänzerin aus Marokko, und nun betrachten sich beide als hilflose Opfer einer unkontrollierten Multi-Kulti-Gesellschaft.


Zu Recht hat die italienische Küche einen so hohen Stellenwert wie die Kehrwoche in Stuttgart oder der Rosenmontagsumzug in Mainz und kann sich seit Jahren neben der katholischen Kirche getrost als zweite Staatsreligion betrachten. Deshalb ist es für den wahren Kenner umso erschreckender, was unsereiner teutonischer Geselle für einen Etikettenschwindel mit dieser betreibt, fast so als würde der eben genannte Rheinländer seine jecke Schunkelparty mit dem venezianischen Karneval vergleichen, nur weil beide den gleichen Namen tragen. Wo Italien draufsteht, ist zwangsläufig auch Italien drin, so die verbreitete Annahme, wo doch der Unterschied zwischen einer durchschnittlichen deutschen Portion Spaghetti Bolognese dem Vergleich mit dem Ergebnis stundenlanger Küchenarbeit einer wahren Italienierin ungefähr sowenig standhält, wie derjenige zwischen dem bereits erwähnten Strandhotel und den Bildern in der entsprechenden Broschüre.

Tag 8, Oasen, Schokotafeln und Wegelagerer

Erfolgreich hat der Italiener uns jahrelang vorgegaukelt, seine Küste sei nicht nur lang, sondern auch weitläufig, von feinstem, weißen Sand bedeckt und von meterhohen, schattenspendenden Palmen umsäumt. Und während ich die Anziehungskraft der italienischen Uferlinie auf flüchtende Hobbydemokraten aus Nordafrika und deren sinkende Schaluppen durchaus nachvollziehen kann, erschließt es sich mir in keinster Weise, warum sich dieses Gerücht hartnäckiger hält als die Kopfschmerzen nach einer Lambrusco-Orgie. Sand ist an den meisten bekannten italienischen Badeorten ungefähr so verbreitet wie karibische Steel-Drum-Bands auf den Ostfriesischen Inseln. Die meisten Strände entlang des Mittelmeers, der Adria und den paar im Norden verteilten Badeseen bestehen zumeist aus Kieseln in unterschiedlichen Mahlgraden, Schotter, Geröll und unbehauenem Stein. Wie zu erwarten verleihen die wenigen Sandstrände dem Begriff „Ballungsraum“ eine ganz neue Bedeutung, höchstens noch vergleichbar mit einer Wasserstelle in der Wüste Gobi. Zwangsläufig quetschen sich Lebewesen aller Couleur auf wenige Quadratmeter nikotingelben Sands während die Raubtiere in sehnsüchtiger Erwartung eines wahres Festmahls gierig ihre Krallen wetzen.


Dabei fängt alles ganz harmlos an: Man checkt nach einer schweißtreibenden Autofahrt im romantischen Strandhotel Marke Platte-Barock ein und genießt nach dem Höllenritt in einem Fahrstuhl aus dem vorigen Jahrhundert den unvergleichlichen Blick auf das übergewichtige Ehepaar mit Hang zur Freikörperkultur auf dem Balkon gegenüber, genau dort wo zum Zeitpunkt des Broschürendrucks noch kein wuchtiger Zementkoloss ins Auge stach, sondern ein vielgepriesener, unverbauter Blick aufs Meer. Die Begrüßungs-Schokolädchen auf dem Kopfkissen haben den Kampf gegen Alter und Hitze ebenso kläglich verloren wie die Klimaanlage und rinnen anmutig die fleckige Bettwäsche herab und die notdürftig aufgehängte Neonröhre flackert munter im gedämpften Licht der Dämmerung. Dafür ist das Personal gut gelaunt, denn es wohnt ja woanders, und man erheischt einen ersten Blick auf die Zimmernachbarn, die denen in der Heimat zum Verwechseln ähneln... verdammt.


Von solchen Lappalien nicht entmutigt werden am nächsten Morgen sämtliche Taschen mit unentbehrlichem Strandequipment befüllt und man begibt sich auf die – von öffentlichen Verkehrsmitteln grob vernachlässigte – Strecke in Richtung Lido, den man nach einer knappen halben Tagesreise frohen Mutes erreicht. Die meisten Strände sind privat und verbergen sich hinter hohen Befestigungsanlagen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, deren Nutzen sich darauf beschränkt, den Einheimischen Wegelagerern ein Dach über dem Kopf zu bieten und die Plumpsklos zu beherbergen, die man in der westlichen Zivilisation eigentlich schon ausgestorben wähnte. Ihr architektonischer Charme ist ebenso verblichen wie die Farbe, die einst mediterranes Flair verbreiten sollte, dafür dröhnen die seit Jahren gleichen, schmalzig-ekstatischen Italo-Sommer-Sonne-Strandhymnen umso lauter aus den Lautsprechern. Da man schon seit einigen Jahren der selben Erpresserbande Tribut zollt, hat man sich immerhin bis in die viertletzte Reihe vorlaviert. Dort stehen zwei Liegestühle und ein Sonnenschirm bereit, für deren Tagesmiete man ein ganzes Wochenende auf Baltrum oder Langeoog verbringen könnte, sowie ein schmieriger Bademeister, der einen in gebrochenem Deutsch Willkommen heißt und prompt das mitgebrachte Essen untersagt. Der Tag kann beginnen... [wird fortgesetzt]