Nun muss man den italienischen Küstenbewohner auch mal in Schutz nehmen, schließlich hat er nie darum gebeten, Jahr um Jahr von einer übermotorisierten Hunnenhorde überrollt zu werden. Aber da er an diesem Umstand kaum noch etwas ändern kann, ist es sein gutes Recht, wenigstens daran zu verdienen. Selbst ein überzeugter Fructarier hätte Verständnis für einen Metzger, wenn dessen Schlachtviech freiwillig den weiten Weg von sattgrünen Feldern Richtung Bolzenschussgerät antreten würde und er lediglich auf das unscheinbare rote Knöpfchen drücken müsste, sobald es die Rampe erklommen hat. Und auch das Preis-Leistungs-Verhältnis ist, objektiv betrachtet, nicht nur das Ergebnis von Angebot und Nachfrage, sondern auch die Antwort auf die philosophische Frage, ob denn die Dummheit der Menschen unermesslich sei: Nein, sie lässt sich sehr wohl messen, beispielsweise an der Tagesmiete eines Liegestuhls oder dem Preis eines bewachten Parkplatzes, Hauptsache es klaut niemand den „Jacqueline an Bord“-Sticker vom mühsam verdienten Zafira.
Die dem deutschen Italienurlauber offenbar angeborenen Scheuklappen hindern ihn zudem daran, bewahren aber gleichzeitig die einheimische Bevölkerung davor, abseits ausgetrampelter Pfade zu wandeln und diejenigen Orte aufzusuchen, die den althergebrachten Vorstellungen von „Dolce Vita“ weit gerechter werden als Lignano und Bibbione. Und so bieten die Küsten eine sehr abwechslungsreiche Abfolge von Touri-Hochburgen in bester Palma-Manier und malerischen kleinen Küstendörfern, deren Restaurants zumindest rudimentäre Kenntnisse der Landessprache erfordern, diese aber entsprechend honorieren. Allerdings trauen sich nur die Wenigsten aus dem gesicherten Areal zwischen Campingplatz und Lido heraus, fast so als herrschten im Rest des Landes bürgerkriegsähnliche Zustände und marodierende Banden. Stattdessen lässt man sich lieber am helllichten Tag ausrauben und dafür auch noch eine Quittung ausstellen.
Ohnehin zahlt der Deutsche eher für das vermittelte Lebensgefühl als für die tatsächliche Qualität, und so kippt er sich Liter um Liter allerbilligsten Chiantis in die säuregeplagte Gurgel, solange dieser nur in hübschen bauchigen Flaschen mit Weidenkorb drumherum serviert wird. Folgerichtig heisst Rauke mittlerweile Rucola, wurde der gute Filterkaffee so gut wie endgültig von wohlklingenden Kaffeespezialitäten wie Espresso, Cappuccino und Latte Macchiato ersetzt und die gemeine Nudel fühlt sich als Pasta gleich viel wohler im Topf. Die gutbürgerliche deutsche Küche hat der „cucina italiana“ ebensowenig entgegenzusetzen wie Berlusconi den Avancen einer minderjährigen Bauchtänzerin aus Marokko, und nun betrachten sich beide als hilflose Opfer einer unkontrollierten Multi-Kulti-Gesellschaft.
Zu Recht hat die italienische Küche einen so hohen Stellenwert wie die Kehrwoche in Stuttgart oder der Rosenmontagsumzug in Mainz und kann sich seit Jahren neben der katholischen Kirche getrost als zweite Staatsreligion betrachten. Deshalb ist es für den wahren Kenner umso erschreckender, was unsereiner teutonischer Geselle für einen Etikettenschwindel mit dieser betreibt, fast so als würde der eben genannte Rheinländer seine jecke Schunkelparty mit dem venezianischen Karneval vergleichen, nur weil beide den gleichen Namen tragen. Wo Italien draufsteht, ist zwangsläufig auch Italien drin, so die verbreitete Annahme, wo doch der Unterschied zwischen einer durchschnittlichen deutschen Portion Spaghetti Bolognese dem Vergleich mit dem Ergebnis stundenlanger Küchenarbeit einer wahren Italienierin ungefähr sowenig standhält, wie derjenige zwischen dem bereits erwähnten Strandhotel und den Bildern in der entsprechenden Broschüre.