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Tag 8, Oasen, Schokotafeln und Wegelagerer

Erfolgreich hat der Italiener uns jahrelang vorgegaukelt, seine Küste sei nicht nur lang, sondern auch weitläufig, von feinstem, weißen Sand bedeckt und von meterhohen, schattenspendenden Palmen umsäumt. Und während ich die Anziehungskraft der italienischen Uferlinie auf flüchtende Hobbydemokraten aus Nordafrika und deren sinkende Schaluppen durchaus nachvollziehen kann, erschließt es sich mir in keinster Weise, warum sich dieses Gerücht hartnäckiger hält als die Kopfschmerzen nach einer Lambrusco-Orgie. Sand ist an den meisten bekannten italienischen Badeorten ungefähr so verbreitet wie karibische Steel-Drum-Bands auf den Ostfriesischen Inseln. Die meisten Strände entlang des Mittelmeers, der Adria und den paar im Norden verteilten Badeseen bestehen zumeist aus Kieseln in unterschiedlichen Mahlgraden, Schotter, Geröll und unbehauenem Stein. Wie zu erwarten verleihen die wenigen Sandstrände dem Begriff „Ballungsraum“ eine ganz neue Bedeutung, höchstens noch vergleichbar mit einer Wasserstelle in der Wüste Gobi. Zwangsläufig quetschen sich Lebewesen aller Couleur auf wenige Quadratmeter nikotingelben Sands während die Raubtiere in sehnsüchtiger Erwartung eines wahres Festmahls gierig ihre Krallen wetzen.


Dabei fängt alles ganz harmlos an: Man checkt nach einer schweißtreibenden Autofahrt im romantischen Strandhotel Marke Platte-Barock ein und genießt nach dem Höllenritt in einem Fahrstuhl aus dem vorigen Jahrhundert den unvergleichlichen Blick auf das übergewichtige Ehepaar mit Hang zur Freikörperkultur auf dem Balkon gegenüber, genau dort wo zum Zeitpunkt des Broschürendrucks noch kein wuchtiger Zementkoloss ins Auge stach, sondern ein vielgepriesener, unverbauter Blick aufs Meer. Die Begrüßungs-Schokolädchen auf dem Kopfkissen haben den Kampf gegen Alter und Hitze ebenso kläglich verloren wie die Klimaanlage und rinnen anmutig die fleckige Bettwäsche herab und die notdürftig aufgehängte Neonröhre flackert munter im gedämpften Licht der Dämmerung. Dafür ist das Personal gut gelaunt, denn es wohnt ja woanders, und man erheischt einen ersten Blick auf die Zimmernachbarn, die denen in der Heimat zum Verwechseln ähneln... verdammt.


Von solchen Lappalien nicht entmutigt werden am nächsten Morgen sämtliche Taschen mit unentbehrlichem Strandequipment befüllt und man begibt sich auf die – von öffentlichen Verkehrsmitteln grob vernachlässigte – Strecke in Richtung Lido, den man nach einer knappen halben Tagesreise frohen Mutes erreicht. Die meisten Strände sind privat und verbergen sich hinter hohen Befestigungsanlagen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, deren Nutzen sich darauf beschränkt, den Einheimischen Wegelagerern ein Dach über dem Kopf zu bieten und die Plumpsklos zu beherbergen, die man in der westlichen Zivilisation eigentlich schon ausgestorben wähnte. Ihr architektonischer Charme ist ebenso verblichen wie die Farbe, die einst mediterranes Flair verbreiten sollte, dafür dröhnen die seit Jahren gleichen, schmalzig-ekstatischen Italo-Sommer-Sonne-Strandhymnen umso lauter aus den Lautsprechern. Da man schon seit einigen Jahren der selben Erpresserbande Tribut zollt, hat man sich immerhin bis in die viertletzte Reihe vorlaviert. Dort stehen zwei Liegestühle und ein Sonnenschirm bereit, für deren Tagesmiete man ein ganzes Wochenende auf Baltrum oder Langeoog verbringen könnte, sowie ein schmieriger Bademeister, der einen in gebrochenem Deutsch Willkommen heißt und prompt das mitgebrachte Essen untersagt. Der Tag kann beginnen... [wird fortgesetzt]

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